Machtmissbrauch und Fehlverhalten in Kulturinstitutionen sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck struktureller Dynamiken. Ein ausschließlich reaktives, lineares Krisenmanagement greift deswegen gleichermaßen wie der reine Fokus auf Prävention zu kurz und kann die betroffene Institution langfristig schwächen. Auch wenn jeder Fall singulär zu betrachten ist, lohnt es sich, dabei allgemeingültigen Verfahrensschritten zu folgen. Darüber hinaus ist es wesentlich, Betroffenen wie Beschuldigten eine verlässliche Verfahrensorientierung zu bieten.
Dramaturgie der Verantwortung
Eine Orientierungshilfe in vier zyklischen Phasen
Die hier vorgestellte Orientierungshilfe bietet eine systematische, praxisnahe Unterstützung für Theater und andere Kulturinstitutionen, die mit Fällen von Machtmissbrauch, grenzverletzendem Verhalten oder übergriffigen Strukturen konfrontiert sind oder vorbeugend tätig werden möchten.
Diese Orientierungshilfe ist kein starres Verfahren, keine Checkliste und keine Toolbox, sondern beschreibt einen dynamischen Lernprozess: vom akuten Krisenmanagement über transparente Aufarbeitung durch fachlich kompetente Untersuchung mit gezielter Nachsorge hin zur langfristigen Prävention. Die vier Phasen stehen nicht nur für linear-zeitliche Abfolgen, sondern für unterschiedliche Verantwortungsbereiche.
Diese Orientierungshilfe ist in vier aufeinander bezogene Phasen gegliedert:
Dabei wird Aufarbeitung als Überbegriff für die beiden Phasen Untersuchung und Nachsorge definiert.
Für jede Phase wird beschrieben:
- Zielsetzungen
- Maßnahmen
- Rahmen und Verantwortungen
- Mängelindikatoren
Ziel ist es, Kulturinstitutionen in die Lage zu versetzen, professionell und verantwortungsvoll zu handeln, sowohl im akuten Krisenfall als auch im Rahmen langfristiger Kulturentwicklung. Typische Fallstricke werden so vermieden: Etwa die unklare Trennung zwischen Intervention und Aufarbeitung oder eine formalistische Präventionspraxis ohne Wirksamkeit.
Zyklisches Verständnis statt Linearität
Diese Orienterungshilfe versteht sich als zyklisches Rahmenwerk professionellen Handelns: Es wird der Erkenntnis Rechnung getragen, dass Vorfälle strukturell begünstigt sind und demnach keine zufälligen Einzelfälle darstellen. Jede Phase dieser Orientierungshilfe baut nicht nur auf der vorangegangenen auf, sondern wird durch kontinuierliche Rückkopplung mit den übrigen Phasen verbunden. Erkenntnisse aus dem Prozess fließen so systematisch in die Weiterentwicklung von internen Standards, Strukturen und Verfahren ein und erhöhen damit die Lernfähigkeit der Organisation: Dies stärkt die Reaktionsfähigkeit der Organisation und fördert ihre langfristige Resilienz.
Das empfohlene Vorgehen dieser Orientierungshilfe folgt best practices, wahrt arbeitsrechtliche Standards und achtet das Wahren der Unschuldsvermutung. Die Darstellung ist modular angelegt: Ein Einstieg ist grundsätzlich in jeder Phase möglich.
Da in vielen Häusern keine interne Fachkompetenz für Präventionsmaßnahmen oder die Aufarbeitung von Machtmissbrauch sowie anderem Fehlverhalten vorhanden ist, wird das frühzeitige Einbinden externer Fachexpertise empfohlen.
Wenn du Fragen dazu hast, kontaktiere uns gern per Mail. Praxisgerechte Präventionsexpertise fusst auf den vier Säulen: konkrete juristische Kompetenz, konkrete Institutionskompetenz. konkrete Betroffenenexpertise (diese ist in jeder Prävention ins Zentrum zu rücken!) sowie fachliche Change-Expertise (damit ist Lehrwissen zu Veränderungsmanagement gemeint, und nicht etwa das shiny Consulting- & Management Buzzword).
Kommunikationsrahmen
(phasenübergreifend)
Kommunikation ist ein zentraler Erfolgsfaktor in jeder Phase. Um Wiederholungen zu vermeiden und Orientierung zu schaffen, gelten folgende übergreifende Kommunikationsprinzipien:
- Transparenz: Offenheit über Prozesse, Zuständigkeiten und nächste Schritte – im Rahmen des rechtlich und menschlich Vertretbaren.
- Schutz der Beteiligten: Wahrung der Vertraulichkeit, Schutz der Betroffenen und Unschuldsvermutung für Beschuldigte.
- Multiperspektivität: Anerkennung unterschiedlicher Wahrnehmungen und Sichtweisen; keine vorschnelle Vereinheitlichung von Erfahrungen.
- Dialogorientierung: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Rückmeldungen ernst nehmen, Räume für Fragen und Sorgen schaffen.
- Glaubwürdige Sprecher:innen: Kommunikation erfolgt durch geschulte, glaubwürdige interne oder externe Personen mit explizitem Mandat.
In den einzelnen Phasen werden nur ergänzende Besonderheiten zur Kommunikation beschrieben.
Verantwortung zeigt sich im Handeln
Entscheidend ist nicht nur, dass eine Organisation handelt – sondern wie. Haltung, Klarheit und breite Beteiligung machen den Unterschied. Auch gut gemeinte Maßnahmen können wirkungslos bleiben, wenn sie symbolisch, unstrukturiert oder ohne Beteiligung der Belegschaft umgesetzt werden. Umso wichtiger ist es, typische Mängelindikatoren zu kennen – sie helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.