Macht. Missbrauch. Gerechtigkeit
Macht am Theater - Struktur und Verantwortung
Theaterleitungen operieren oft in weitgehend autonomen Strukturen, während ihre Entscheidungen große Auswirkungen auf die Berufsbiografien und das Wohlbefinden ihrer Belegschaft haben.
Öffentlich geförderte Theater tragen vielfach einen systemischen Widerspruch in sich:
Demokratisch finanzierte Einrichtungen operieren eher wie feudal organisierte Betriebe.
Öffentliches Geld dient in diesen Fällen nicht immer dem Gemeinwohl, sondern mitunter der Absicherung von Macht und Prestige Einzelner. Kontrollmechanismen existieren oft nur formal oder sind folgenlos.
Beispiel: Eine Intendanz wird regelmäßig durch ein Gremium bestätigt, aber ein intern missbräuchliches Verhalten bleibt unbemerkt oder wird ignoriert. Lt. Thomas Schmidt (Macht und Struktur im Theater, 2019, S. 32f, 48, S. 55f, etc.) werden selbst bei nachgewiesenen Vorfällen nur selten Konsequenzen gezogen.
Hierarchien in Theatern sind nicht per se problematisch: Sie dienen der Organisation, Klärung von Zuständigkeiten und Entscheidungsverantwortungen. Doch diese Verantwortung muss durch Transparenz, Respekt und Rechenschaftspflicht legitimiert sein.
Machtverhältnisse und deren Enttabuisierung
Wo Macht besteht, besteht auch das Potenzial ihres Missbrauchs. Diese Einsicht ist kein Generalverdacht gegen Führung, sondern Ausdruck einer realistischen Haltung gegenüber asymmetrischen Strukturen. Machtmissbrauch ist kein individuelles Ausnahmephänomen, sondern eine strukturelle Möglichkeit. Diese ergibt sich insbesondere dort, wo Kontrolle fehlt, Schutzmechanismen lückenhaft sind und informelle Kulturen intransparent wirken.
Es braucht daher eine konsequente Enttabuisierung des Themas, das in Theatern oft durch Loyalitätsversprechen, künstlerische Idealisierung oder Angst vor Reputationsverlust verschwiegen bleibt.
Machtmissbrauch äußert sich nicht nur durch einseitige Lautstärke in der Kommunikation oder planmäßigem Schreien, in persönlichen Grenzverletzungen oder autoritärem Führungsstil, sondern auch in strukturell oder kulturell verankerten Diskriminierungen: Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus, Queerfeindlichkeit, Verletzungen der Gleichbehandlungspflicht, sexualisierte Gewalt und andere Ausschluss- und Diskriminierungsmechanismen, wie Belästigung und Ausbeutung, aber auch der allzu leichtfertige Umgang mit öffentlichen Geldern, sind unterschiedliche Ausdrucksformen desselben grundlegenden Problems: einer ungeregelten und asymmetrisch genutzten Macht. Diese Phänomene dürfen nicht länger getrennt voneinander verhandelt werden. Sie sind miteinander verwoben und müssen als gemeinsame Herausforderung einer diskriminierungskritischen und verantwortungsvollen Theaterarbeit verstanden werden.
Was ist Machtmissbrauch im Theaterkontext?
Machtmissbrauch liegt vor, wenn eine strukturell überlegene Position dazu verwendet wird, persönliche Interessen durchzusetzen, andere zu manipulieren, zu kontrollieren oder systematisch zu benachteiligen.
Typische Ausdrucksformen sind:
- Interessenskonflikte werden zugunsten der eigenen Person gelöst, z. B. Selbstbeauftragungen trotz Abhängigkeit vom Aufsichtsrat
- Manipulation und psychischer Druck, z. B. die Belegschaft zu belastenden Einsätzen drängen, die sie freiwillig nicht leisten würden (Dispo, Ruhezeiten, etc.) und die sich nicht durch das Theaterarbeitsgesetz oder andere Rechtsquellen rechtfertigen ließen
- Sanktionen oder Drohungen bei Kritik, Rückfragen oder Widerspruch
- Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen, z. B. bei befristeten Verträgen oder Rollenvergaben
- Sexuelle Übergriffe oder sexualisierte Sprache unter dem Deckmantel „künstlerischer Arbeit“
- „Reframing“ von Grenzverletzungen: Übergriffe werden als „künstlerische Zumutung“ legitimiert. Die Grenze der anderen wird verletzt, anstatt dass eigene Grenzen zugunsten der Kunst überschritten würden
- Ausschluss, Isolation oder systematische Herabwürdigung einzelner Personen oder Gruppen
- Eine gelebte informelle Hierarchie, die sich weder durch objektivierbare Kompetenzen noch durch das Organigramm abbildet
- Informationsintransparenz bzw. -asymmmetrie bezüglich Entscheidungen, die persönliche oder strategische Vorteile für einzelne sichern
- Das Fehlen von Prozessen und Strukturen, welche Transparenz, Fairness und Rechenschaft ermöglichen (Bsp.: Das Fehlen eines Organigramms, das Fehlen von Compliance Regeln und das Fehlen eines daraus abgeleiteten Code of Conduct sowie das Fehlen von Betriebsvereinbarungen)
- Kompliz:innenschaft von Funktionsträger:innen, die das System aufrecht erhalten und damit die machtmissbrauchenden Personen schützen.
Hinweis: Diese Liste ist exemplarisch und nicht abschließend.
Strukturelle Risikofaktoren und Normalisierungen
Dies kann individuell geschehen oder durch institutionelle und kulturelle Mechanismen begünstigt werden.
Strukturelle Ermöglichungen:
- Autoritärer bis willkürlicher Führungsstil bei gleichzeitig fehlenden Kontrollinstanzen
- Intransparente, unbegründete und nicht nachvollziehbare Entscheidungsprozesse, Vetternwirtschaft
- Befristete Verträge und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, v. a. bei Gästen
- Abhängigkeit von Leitungspersonen bei Rollenbesetzung oder Vertragsverlängerung
- Gagengefälle und ungleiche Zugänge zu Ressourcen
- Keine oder mangelhafte Formate der gemeinsamen Reflexion
- Tabuisierte, unreflektierte Reproduktion der im Theater aufrechten Narrative (wie z.b. das “künstlerische Genie”)
Kulturelle Normalisierung und tabuisierende Narrative
Bagatellisierung und Gewöhnung an Übergriffe: Grenzverletzendes Verhalten wird Teil des Alltags und nicht mehr als außergewöhnlich wahrgenommen.
Legitimierung durch Leitnarrative: Machtmissbrauch wird mit „Freiheit der Kunst“, „betrieblicher Notwendigkeit“ oder ähnlichen Argumenten gerechtfertigt.
Heroisierung von Machtträger:innen: Problematisches Verhalten gilt als Ausdruck von „Genie“, „Stil“ oder „charismatischer Führung“.
Silencing und Loyalitätsdruck: Kritik oder Widerspruch wird tabuisiert, als Nestbeschmutzung diffamiert oder mit Loyalitätsbruch gleichgesetzt.
Was ist kein Machtmissbrauch?
Eine notwendige Abgrenzung
Nicht jeder Konflikt ist Machtmissbrauch. Eine präzise Unterscheidung ist notwendig, um Führung handlungsfähig zu halten und Vorwürfe nicht zu instrumentalisieren.
Kein Machtmissbrauch ist:
- Konstruktive Kritik an künstlerischer Arbeit
- Durchsetzung organisatorischer Entscheidungen im Rahmen der Leitungsverantwortung
- Sachlich begründete Ablehnung von Rollen oder Vorschlägen
- Konflikte zwischen Kolleg:innen ohne (informell) hierarchisches Gefälle
- Unterschiedliche Meinungen oder Führungsstile, sofern sie respektvoll und transparent kommuniziert werden
- Einfordern professioneller Standards: etwa Pünktlichkeit und Vorbereitung
- Ablehnung persönlicher Wünsche, wenn sie nicht mit Produktionszielen vereinbar sind
Handlungsempfehlungen für ein zeitgemäßes Theater
Strukturell wirksame Gegenmaßnahmen:
- Verpflichtende, unabhängige Beschwerdestrukturen – auch auf Betriebsebene
- Förderbedingungen mit verbindlichen Auflagen zu Awareness, Antidiskriminierung und Transparenz
- Mehr Transparenz bei Subventionsvergabe und -verwendung – z. B. über öffentlich zugängliche Kontrollberichte
- Externe Evaluationen von Leitungsarbeit – ergänzt durch verpflichtende Audits
- Personelle Konsequenzen bei nachgewiesenem Machtmissbrauch – einschließlich Abberufungen und Vertragsauflösungen