Angst

Der Ton war sehr harsch, laut und beleidigend, und die Situation wirkte einschüchternd, teilweise beängstigend und machte es dadurch umso schwieriger, die Kritik zu verarbeiten oder gar umzusetzen.

Bei einigen Gelegenheiten wurde ich vom Intendanten des Hauses „runtergemacht“. Anlässlich einer bevorstehenden Premiere wurde mir vorgehalten, ich sei nicht gut genug, habe kein Durchsetzungsvermögen etc. Selbstverständlich müssen wir als Schauspieler;innen auch unangenehme Kritik ertragen, beziehungsweise ist es für uns eine Möglichkeit zu wachsen. Diese Kritik fand aber sehr gerne unter vier Augen statt, wenn nicht in seinem Büro, dann gerne in einer improvisierten Ecke oder Raum (am besten mit verschlossener Tür). Der Ton war sehr harsch, laut und beleidigend, und die Situation wirkte einschüchternd, teilweise beängstigend und machte es dadurch umso schwieriger, die Kritik zu verarbeiten oder gar umzusetzen. Diese Art von Gesprächen war auch bei Kolleg:innen im Haus bekannt und befürchtet, auch wenn es um die Planung für die nächste Saison ging. Erzählungen von Kolleginnen und Kollegen, die weinend das Büro verließen, machten die Runde. Das Ergebnis war ein über die Jahre immer geringeres Selbstwertgefühl, nicht nur auf beruflicher Ebene. Die Linderung dieser Minderwertigkeit war aber ausschließlich dem Intendanten, also dem Täter, vorbehalten: der Inbegriff eines toxischen Abhängigkeitsverhältnisses.

Was ich anderen mitgeben möchte:

Ich habe es geschafft, mich aus diesem System zu befreien und weiß was ich (mir) wert bin und möchte meinen Kolleginnen und Kollegen mitgeben: Diese Art von herabwürdigenden Gesprächen, egal ob mit Intendanz, Regie oder sonstigen Führungskräften, dienen nie dazu, uns Künstler:innen zu verbessern oder zu bestärken: es geht nur um Machtdemonstration. Eine Kollegin definierte es einmal als egomanische Onanie. Die Künstlerin, der Schauspieler, sind reine Projektionsfläche. All die Worte, die einem an den Kopf geworfen werden, haben nichts mit dir zu tun. Das ist ein schwieriger Lernprozess, weil wir Schauspieler:innen ohnehin immer an uns zweifeln und uns selbst schon nicht gut genug sind. Aber sobald das Gespräch beleidigend oder erniedrigend wird, werden und sollen wir auch nicht daran wachsen. Ich habe gelernt, dass es in der Branche Menschen gibt, die grundlos auf einen einschlagen. Sich diesen Schlägen zu entziehen, bedeutet oft, Opfer übler Nachrede zu werden. Dieser Angst müssen wir uns stellen.
Und daran können wir wachsen. Denn der Ursprung all dieses Machtmissbrauches ist und bleibt: Angst.

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