Welche Rolle und Verantwortung hat das Ensemble im zeitgemäßen Theater?
Ein Ensemble ist kein geschlossener Körper.
Es ist eine fragile Struktur in Bewegung.
Und seine Arbeit dient nicht einem perfekt getakteten System, sondern es ist ein offener Prozess, der auf Aushandlung, Reibung und gegenseitiger Aufmerksamkeit basiert. Ein zeitgemäß agierendes Ensemble begreift die Differenz als produktiv. Denn sie ist unverzichtbar, um die eigenen Positionen zu überprüfen. Und wer überprüft, übernimmt Verantwortung.
Das Ensemble im zeitgemäßen Theater trägt diese Verantwortung für das Gemeinsame im Unvereinbaren.
Diese Verantwortung entsteht nicht aus Hierarchie. Sondern aus gegenseitiger Bezugnahme. Sie beginnt nicht auf der Bühne. Sie beginnt beim Bühneneingang. Sie beginnt im Probenraum.
Wenn ich nicht rede, obwohl ich reden sollte,
Wenn ich rede, ohne zuzuhören,
Wenn ich nicht begreife, dass nicht jeder und jede gleich laut spricht, aber alle zur Kommunikation beitragen,
Wenn ich nicht hinsehe, obwohl ich hinsehen sollte,
Dann scheitert das Ensemble. Nicht an der Ästhetik. An der Ethik.
Ein Ensemblemitglied im zeitgemäßen Theater versteht sich also nicht nur als Spielende, sondern als Mittragende: von Haltung, Konflikt, Empathie und Widerspruch.
Es hat die Aufgabe, Mitstreiter*in zu sein.
Nicht nur in der Szene, sondern in der Struktur.
Nicht nur auf der Bühne, sondern im Foyer, im Plenum, im Streit.
Es hat zu zweifeln.
An der Form, an der Führung, an sich selbst.
Aber nicht um zu lähmen – sondern um in Bewegung zu bleiben.
Es hat zu hinterfragen und freiwillig zu entscheiden.
Nicht, um zu dominieren – sondern um zu dienen. Dem Größeren. Dem Gemeinsamen. Wenn man sich dafür entschieden hat, ein Ensemblemitglied zu sein.
Und ja: Ein Ensemblemitglied schützt die Kunst.
Aber nicht vor der Welt – sondern in der Welt.
Indem es sich zeigt. Offen. Fragend. Wach.
Wie es zusammenarbeitet, welche Perspektiven sichtbar werden, hat Wirkung über den Probenraum hinaus.
Weil es die künstlerische Praxis selbst als politisch begreift.
In Bezug auf Macht, Sprache, Zugänglichkeit und Teilhabe.
Nicht nur als Haltung nach außen, sondern als Teil der gemeinsamen Arbeitsweise.
Ein Ensemblemitglied trägt diese Verantwortung nicht, um zu glänzen.
Sondern um zu tragen.
Was schwer ist. Was weh tut. Was wachsen will.
Weil es verstanden hat, dass seine Aufgabe nicht darin besteht, Rollen perfekt auszufüllen, sondern Räume zu schaffen, in denen wir UNS EINANDER zumuten können. Mit unseren Ideen, Zweifeln, Grenzen, Weltanschauungen und Widersprüchen. Mit Respekt auf Augenhöhe.
Verantwortung ist keine Rolle.
Verantwortung ist eine Praxis.
Wo siehst Du die Grenzen der Rolle?
Ein Ensemblemitglied ist Teil eines künstlerischen Kollektivs.
Aber nicht der seelische Puffer zwischen Leitung und Realität.
Nicht die soziale Klimaanlage eines Hauses, das strukturell überhitzt ist.
Ein Ensemblemitglied ist nicht dafür da, Leitungslücken weich abzufedern.
Es ersetzt keine funktionierende Gesprächskultur.
Es balanciert keine dysfunktionale Hierarchie aus.
Es kann fehlende Verantwortung in der Struktur sowie künstlerischer Vorbereitung und Umsetzung nicht kollektiv kompensieren.
Ein Ensemblemitglied ist nicht Leitung light.
Nicht die stille Reserve für institutionelles Gewissen.
Nicht der Puffer für systemische Reibung.
Es ist ein arbeitender Mensch.
Mit Stimme.
Mit Verantwortung.