Die Lehre

Roman Schmelzer

Zeitgemäßes Theater fängt in der Ausbildung an
Roman Schmelzer
Nachdem er seine Gymnasialzeit in einer bayerischen Klosterschule erfolgreich mit Abitur überstanden hatte, zog es ihn ins beschauliche Ruhrgebiet, wo er mit viel Freude und großartigen Kommiliton:innen seine Schauspielausbildung an der Folkwang Hochschule / Bochum mit Diplom abschloss. In seinem Erstengagement am Volkstheater Rostock erweiterte er bei Johanna Schall seinen spielerischen Erfahrungshorizont, bevor es ihn von der Ostsee in die Ostschweizer Berge zog. Nachdem er dort mit P. Turrinis Monologstück Die Eröffnung glaubte, schon alles erreicht zu haben, wollte er dieses Erlebnis am bildschönen Stadttheater Klagenfurt unbedingt wiederholen. Er nahm gern Engagements an, die ihn quer durchs Land reisen ließen: Von Braunschweig bis Bregenz, von Wuppertal bis Koblenz, von Kaiserslautern bis Bochum machte er die Stadt und Staatstheater unsicher, bis er schließlich 2012 eher zufällig in Wien landete und seither in großen Schauspielhäusern engagiert ist. 2016 fand er an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien (MUK) eine neue Leidenschaft: die Lehre. Seither widmet er sich ihr mit großer Hingabe und wurde 2018 zum ordentlichen Professor berufen.     Was ihn am meisten interessiert? Menschen…und wie sie miteinander agieren.

Welche Rolle und Verantwortung hat die Lehre im zeitgemäßen Theater?

„Man kann niemanden etwas lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.“  – Galileo Galilei

 

Zeitgemäßes Theater beginnt in der Ausbildung. In ihr werden die ersten Fundamente gelegt – wie ein respektvoller Umgang, eine humorvolle Atmosphäre und die Freiheit, auch lustvoll scheitern zu dürfen. Und für die innere Haltung, mit der sich junge Schauspieler:innen den Bühnen der Zukunft stellen. Lehre ist daher immer mehr als ein Lehrplan: Sie ist ein Raum, in dem Neugier, Offenheit und Widerstandskraft wachsen können.

Die Lehrenden sind dabei Coach:in, Mentor:in, Trainer:in zugleich. Manchmal braucht es die Präzision des Handwerks, manchmal das sensible Gehör für eine leise Intuition, manchmal den Impuls, die eigene Komfortzone zu verlassen und zuweilen einfach: Geduld und Zuspruch. In diesem Sinn ist die Lehre nicht Belehrung, sondern Begleitung – ein Weg, auf dem die Studierenden ermutigt werden, ihr eigenes Theater für sich zu entdecken.

Zugleich gilt es, sie an verschiedene Diskurse heranzuführen, Horizonte zu öffnen und sie zu unterstützen, ihre eigenen Standpunkte zu entwickeln, künstlerisch wie gesellschaftspolitisch. Die aktuelle Theaterlandschaft verlangt Vielseitigkeit: Klassisches Repertoire, kollektive Stückentwicklungen, digitale Formate uvm. Die Ausbildung sollte dieses Spannungsfeld abbilden. Sie kann Verbindlichkeit, Umsicht und Neugier fördern – oder, wenn sie es versäumt, Egozentrik und Rücksichtslosigkeit bestärken. Beides kann im Theater überlebensfähig sein, doch entscheidend ist, wofür man sich entscheidet, wenn man für ein zeitgemäßes Theater plädiert.

Am Ende bleibt das Theater eine Kunst der Gemeinschaft: Ein kollektives Zusammenspiel, das sich immer neu erfindet und doch von der Lehre her seinen Ursprung nimmt.

Wo siehst du  die Grenzen der Rolle?

Die Rolle der Lehre ist nicht grenzenlos. Sie kann keine Lebenskrisen verhindern und keine Garantien für Karrieren ausstellen. Sie kann den Boden bereiten, auf dem die Studierenden ihre ersten Schritte wagen – gehen, stolpern, aufstehen müssen sie selbst. Auch die Verantwortung, die Jahre der Ausbildung für sich zu nutzen, liegt nicht bei den Lehrenden, sondern bei den Lernenden.

Und Lehre darf nicht zur Schutzblase vor der Realität werden, in der falsche Träume und Erwartungen genährt werden. Sie muss darauf vorbereiten, dass Theater heute in unsicheren Zeiten stattfindet, dass Gewissheiten brüchig und Formate wandelbar sind.

Was sie geben kann, ist das Beste aus Erfahrung und Wissen – und zugleich die Freiheit, es anders zu machen.

Portrait Fotografie © Jan Frankl

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