Ich arbeite seit etwa zehn Jahren als Regieassistenz an verschiedenen Theatern. Die Aufgaben in diesem Beruf sind relativ vielfältig, und grundsätzlich gibt es ihn an jedem Theater. Was mir allerdings überall aufgefallen ist: Niemand kann genau sagen, was eigentlich die konkreten Aufgaben der Regieassistenz sind. Allgemein geht man davon aus, dass sie die Proben „betreut“ und die Probenpläne – also die Arbeitspläne für Schauspiel und Regie – verwaltet. Was das aber im Einzelnen bedeutet, ist selten klar umrissen. Gleichzeitig wird stets betont, wie wichtig die Regieassistenz sei.
Die Arbeit kann dabei vieles umfassen: von der künstlerischen Betreuung – also dem Führen des Regiebuchs, dem Einrichten von Requisiten und Feedback zum Schauspiel – bis hin zur persönlichen Assistenz der Regie. (Man ist übrigens oft überrascht, wie viele Menschen in Leitungspositionen im Alltag erstaunlich wenig selbstständig handeln können – so bringt man auch mal zwischen den Proben ein paar Hemden in die Reinigung, oder organisiert Klopapier für die Theaterwohnung) Daneben wird man nicht selten auch zum psychologischen Dienst für Kolleginnen und Kollegen, die entweder durch die Arbeitsbedingungen oder durch eigene Umstände in akute Krisen gelangt sind.
An großen Häusern hatte ich häufig den Eindruck, dass durch bessere finanzielle und personelle Ausstattung die künstlerische Betreuung durch die Regieassistenz besonders in den Hintergrund tritt. Gleichzeitig scheint sie dort umso mehr dafür zuständig zu sein, den Beteiligten ein Gefühl von Bedeutung zu vermitteln – ein „Fame“, der einen strukturellen Minderwertigkeitskomplex überdeckt: Schauspiel, Regie und Theaterleitung sind innerhalb des Hauses die Hollywoodstars – aber außerhalb fragt kaum jemand nach einem Autogramm. Und ja, natürlich bringt man auch Kaffee oder richtet das Buffet ein.
Trotz dieser Aufgabenvielfalt steht man als Regieassistenz in der Hierarchie ganz unten. Und da erlebt man einiges. Harmlos, aber doch unpassend ist es zum Beispiel, wenn man während einer Abendprobe von einem Theaterdirektor „mal kurz“ ins Intendantenbüro geschickt wird, um ein Glas Wein zu holen – er brauche das abends „einfach“. Deutlich unangenehmer wird es, wenn während einer Probe ein Glas zu Bruch geht, man instinktiv losrennt, um die Scherben zu entfernen, damit sich der barfuß spielende Schauspieler nicht verletzt – und dann von der Regie angeschrien wird, dass sich niemand im Raum zu bewegen habe, wenn er inszeniert.
In einem anderen Theater habe ich sogar eine Situation erlebt, in der ich fast verletzt worden wäre – oder Schlimmeres. Es handelte sich um eine Verwechslungskomödie mit großem Ensemble und sehr vielen Requisiten. Der Probenplan war straff, die Umbauten hektisch. An einem Tag musste ich während der fünfminütigen „Pause“ für das Ensemble etwa 50 Requisiten umstellen. Eine davon war ein großer, schwerer Aschenbecher, der im Spiel mehrfach seine Position wechselte – und den ich in der Eile falsch platziert hatte. Der Regisseur kam von seiner Zigarette zurück, die Probe lief weiter. Mitten in der Szene fing der Hauptdarsteller an zu schreien und warf den Aschenbecher in meine Richtung – er verfehlte mich nur knapp. Ich spürte den Windzug an meinem Ohr. Hätte er mich getroffen, hätte ich vermutlich eine schwere Kopfverletzung davongetragen.
Der Regisseur unterbrach kurz, ging mit mir vor die Tür und erklärte mir dann belehrend, wie wichtig es sei, Requisiten ordentlich einzurichten. Der Schauspieler habe eben eine aufbrausende Art – man müsse das verstehen. Ich war sichtlich geschockt, und rückblickend bin ich sicher, dass ich in dem Moment unter Schock stand. Mindestens zehn Personen waren bei dieser Probe anwesend. Später sagten mir einige unter vier Augen, so ein Verhalten gehe „gar nicht“, man habe „Mitgefühl“ mit mir – aber der Kollege „sei halt so“. Heute weiß ich: Ich hätte die Situation zur Anzeige bringen müssen. Doch im stressigen Probenbetrieb entwickelt man einen Tunnelblick in Richtung Premiere.
Gerade bei diesem Schauspieler war solches Verhalten Alltag. In einer Vorstellung erzwang er etwa einen echten Zungenkuss anstelle des vereinbarten gespielten Bühnenkusses. In der Kantine hieß es danach nur: „Das Arschloch hat mir die Zunge reingesteckt.“ In einer anderen Produktion bekam er einen Wutanfall, nachdem ihn die Regisseurin bat, eine Szene anders zu spielen – was ja ihre Aufgabe ist. Er stürmte schreiend wie ein trotziger Teenager aus dem Probenraum und beschimpfte danach lautstark unbeteiligte Mitarbeiterinnen in der Garderobe – durch die geschlossene Tür hörbar.
Das Eigenartige ist: Solches Verhalten wird von Theaterleitungen regelmäßig toleriert. Natürlich bekommen sie es mit – wenn sie es nicht sogar selbst vorleben. Gibt es einen „Star“, dem alles erlaubt ist, gelten offenbar keine Regeln des respektvollen Miteinanders mehr. Als „einfache“ Mitarbeiterin oder Mitarbeiter fühlt man sich da schnell ohnmächtig. Am Ende hilft oft nur eines: der Arbeitgeberwechsel. Denn im Betrieb selbst gibt es meist niemanden, an den man sich wenden kann.
Was ich anderen mitgeben möchte:
Warum man das als Regieassistenz überhaupt mitmacht? Dahinter steckt fast immer der Wunsch, irgendwann selbst Regie zu führen. Und um sich dafür zu „qualifizieren“, so heißt es, müsse man sich erst beweisen. Gemeint ist damit jedoch selten die künstlerische Arbeit.
Gemeint ist vor allem: das Aushalten – von Unerträglichem, Albernem, Kindischem, Impulsgestörtem. Nicht zur Presse gehen. Nicht kritisieren. Augen zu und durch. Vielleicht wirst du dann irgendwann belohnt.