Allem voran, ich habe lange nicht gedacht, dass dieses Erlebnis ein Übergriff war. Ich habe gar nichts gedacht. Vielleicht habe ich gedacht, dass es eine Art kollegiales Liebesbekenntnis war.
Nach einer Vorstellung, es war eine von vielen Vorstellungen, die ich gerne gespielt habe, kam einer meiner Kollegen in meine Garderobe. Die Türe war geschlossen, ich hatte sie hinter mir zugezogen, da bin ich mir sicher. Er hatte sie schwungvoll geöffnet. Der Kollege gilt als Perfektionist und ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen, als ich ihn stürmisch in meine Garderobe kommen sah. Hinter sich schloss er die Türe und ich hatte mit einer Schreierei gerechnet. In meinem Kopf lief die Vorstellung nochmal ab, besonders die gemeinsamen Szenen. Was habe ich falsch gemacht? Was war mein Fehler? Um ehrlich zu sein, auch das ich mich so gefühlt habe, dass ich solche Angst vor einem Kollegen hatte, ob älter oder erfahrener, oder nicht, verhindert ja schon ein Arbeiten auf Augenhöhe.
Aber als er nicht zu schreien begann, sondern mit wildem Blick mein Gesicht in seine Hände nahm und mir seine Zunge in den Mund schob, war ich dann doch starr vor Schreck. So schnell er vor mir stand, so schnell war er wieder aus meiner Garderobe raus. Er hatte sich genommen, was er gerade wollte. Bei der nächsten Vorstellung, wenige Tage später, wusste ich nicht wie ich ihm begegnen sollte. Der Mann war verheiratet und hatte ein Kind. Ich hatte eine Beziehung und dachte ständig darüber nach, ob ich meinen Partner nun betrogen hatte.
Ich versuchte den ganzen Abend ihm nicht zu begegnen, ihm nur die Worte, die uns vom Text vorgeschrieben waren zu sagen. Aber beim Applaus stand er einfach neben mir. Sonst nie, er war sonst nie neben mir. Aber er stand da, nahm meine Hand, grinste mich an und meinte, na jetzt bist du aber ned bös wegen dem letzten Mal.
Was ich anderen mitgeben möchte:
Du hast keine Schuld!