Wie siehst du die #MeToo-Bewegung im Theater?
MeToo am Theater ist zuallererst das Aufdecken der lange verschwiegenen oder als normal bezeichneten Machtverhältnisse, wie sie im Namen der Inszenierung der Tradition oder des Genies geschehen sind. #MeToo ist eine Bewegung, die die systemische Gewalt aber auch die komplizenmäßige Untätigkeit und Inkompetenz der Einrichtungen sichtbar macht
Sie äußert sich im Sichtbarmachen der Gespräche und in einer Offenheit des Zuhörens, aber auch in einem rechtlichen und politischen Aufwachen: In einer Mahnung, dass die Leitungen der Institutionen eindeutige arbeitsrechtliche Verpflichtungen haben – in Bezug auf Prävention, Schutz und Reaktion – und dass diese Verpflichtungen nicht unter das Strafrecht fallen. Es geht nicht darum, erst auf Verurteilungen zu warten, sondern schon jetzt gesunde und sichere Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, wie es das Gesetz vorsieht. Es ist ein entschlossener Aufruf, unsere Praktiken, unsere Pädagogik, unsere Produktions- und Vermittlungsmethoden zu verändern. Es ist eine Chance, ein Theater neu zu erfinden, das wirklich lebendig, belebend – und wahrhaftig ethisch ist.
Es ist auch eine unmissverständliche Botschaft: Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel, für mehr Respekt gegenüber den Menschen, die arbeiten. Und wir werden nicht aufhören, darauf zu achten.
Wie sieht ein zeitgemäßes Theater ohne #MeToo Vorfälle aus?
Ich glaube nicht, dass ein Theater ohne Gewalt, Unterordnung und Machtverhältnisse eine Utopie wäre. Ich glaube, dass das Sprechen von Utopie dieses berechtigte Ziel zu einem fernen Horizont machen und Mobilisierungsstrategien hemmen würde.
Für mich ist die Ausübung des Theaters – wie die Ausübung des Feminismus – eine Ausübung der Realität, ein scharfsinniger Akt, eine Art, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen und die menschlichen Beziehungen so zu akzeptieren, wie sie sind, mit ihren Realitäten, ihren Impulsen, ihren Widersprüchen. Ich stelle mir also keine Utopie vor, sondern eine mögliche Welt. Und sogar die einzig mögliche Welt.
Ein Theater ohne #MeToo ist kein Traum oder eine Fantasie. Es ist ein Mindestanspruch. Es ist der Ausgangspunkt. Es bedeutet Dominanz, Machtmissbrauch, Vergewaltigungskultur, mitschuldiges Schweigen, zerstörte Karrieren, gezwungene und instrumentalisierte Körper abzulehnen. Es beabsichtigt, Liebe als politische Entscheidung zu betrachten. Es bekräftigt, dass ein Theater, das auf Gleichheit, Sicherheit, Moral, Gerechtigkeit und Parität basiert, kein eingeschränktes, langweiliges Theater wäre, sondern im Gegenteil ein Ort, an dem alle gewinnen würden – an Kreativität, an Kraft, an Freiheit.
Und dieses Ziel ist weder ein frommer Wunsch noch ein Luxus. Es ist dringend, lebenswichtig und strukturell. Es geht nicht darum, von einem anderen Ort zu träumen, sondern darum, hier etwas zu verändern. Das Theater soll zu einem Ort werden, der die Gewalt der Welt nicht mehr reproduziert und banalisiert, sondern eine andere Sichtweise, eine kritische Lesart, eine sensible und verantwortungsvolle Alternative bietet. Es ist auch ein Theater, das die Vorstellungskraft beflügelt, das aufhört, alte patriarchalische Mythen unhinterfragt zu wiederholen, das neue Erzählungen erfindet, die inklusiv, fröhlich, kraftvoll und emanzipatorisch sind. Ein Theater, in dem Ethik und Ästhetik Hand in Hand gehen, ohne sich jemals zu widersprechen.
Es ist ein Theater, das seine Beziehungen horizontalisiert: in der Pädagogik, in den Schaffensprozessen, in der Produktion. Ein Theater, in dem Gleichberechtigung nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein strukturelles Ziel ist – in den Produktionsmitteln, im Zugang zu Finanzierungen, in der Leitung der Spielstätten und in der Repräsentativität auf und hinter der Bühne.
Ein Theater, das bekräftigt, dass kein Werk, egal welches, wichtiger ist als die Menschen, die daran mitwirken.
Anmerkung: Séphora Haymann hat diesen Text in ihrer Muttersprache Französisch geschrieben. Der vorliegende Text wurde von uns übersetzt. Wenn du das Original lesen möchtest, dann schreib` uns an team@daszeitgemaessetheater.at