Wir können ja nicht nur Migrantenstücke machen

Murali Perumal

Es gäbe nicht so viele Rollen für uns, wir seien zu speziell für die Zuschauer, wir machen ja hier deutsches Sprechtheater
Murali Perumal
Murali Perumal ist ein deutscher Schauspieler indischer Herkunft und wurde 1978 in Bonn geboren. Nach seinem Abitur studierte er 1998-2002 am Max Reinhardt Seminar Wien Schauspiel und spielte daraufhin zahlreiche Rollen für Film, Fernsehen und Theater. Er spielte in über 84 Filmen aus fünf Ländern, u.a. in 19 Kinofilmen mit den Oscar Preisträgern Costa Gavras, Stefan Ruzowitzky und Todd Field. Theater spielte er u.a. am Schauspielhaus Bochum, dem Schauspiel Köln, der Schaubühne Berlin, an den Münchner Kammerspielen, in der Freien Szene Münchens und Wiens und zuletzt am Volkstheater Wien. Außerdem unterrichtet er an der Otto Falckenberg Schule als Schauspieldozent und ist dort für die Diversitätsentwicklung verantwortlich. Seit Herbst 2020 ist er Mitglied in der Deutschen Filmakademie . Außerdem wurde er in die Hauptjury des Deutschen Schauspielpreises 2021 gewählt, war 2022 Juror des Bundeswettbewerbs Deutschsprachiger Schauspielschulen und Juror der Vorauswahljury für die besten Kinderfilme des Deutschen Filmpreises 2023. Seit 2009 ist er Diversity-Botschafter, Pionier und Aktivist der ersten Stunde für Künstler*innen of Colour und alle anderen marginalisierten Gruppen und engagiert sich für eine selbstverständlichere Vielfalt in Film, Fernsehen, Theater und Literatur. Sein Engagement zielt auf gleichberechtigte Teilhabe und Repräsentation.

Wie nimmst du Rassismus im Theater wahr? Wie zeigt er sich im Theater?

„Wir können ja nicht nur Migrantenstücke machen“ sagte die Chefdramaturgin eines großen deutschen Theaters in einem Interview für ein Stadtmagazin (2013). Dieser Satz enthüllt, dass deutschsprachiges Theater über Jahrzehnte hinweg nur von Weißen für Weiße konzipiert und gedacht war.

POC oder nicht-weiße Künstler:innen, in Deutschland geboren, beispielsweise afro- oder asiatisch-deutsche Schauspieler:innen, waren in den hiesigen Theaterstücken und in unseren Ensembles einfach nicht vorgesehen…und wenn, dann nur als Ausländer:innen oder Migrant:innen auf der Bühne in seltenen Gastrollen, vorausgesetzt, die Herkunft der Figuren wird explizit im Stück erwähnt. Obwohl sie deutsche Künstler:innen waren, wurden sie von den Theatermacher:innen nie als Deutsche wahrgenommen,sondern als „Fremdkörper“ auf der Bühne, deren Besetzung aufgrund ihrer äußeren Merkmale für das weiße Publikum immer „erklärt“ werden musste.

Deutsche Figuren kamen für sie nicht in Frage (ausgenommen waren europäische und weiße Darsteller aus Amerika oder Australien oder auch Dialekt sprechende Schweizer, die aufgrund ihres Weißseins immer auch als Deutsche angesehen wurden, auch wenn sie des Hochdeutschen nicht immer mächtig waren). Ein schwarzer Schauspielkollege, gebürtiger Berliner, spielte innerhalb von 7 Jahren an fünf unterschiedlichen Theatern „den Schwarzen“ im dänischen Stück „Das Fest“. Für andere Figuren reichte dann die Phantasie der Theatermacher:innen nicht aus. Ein immer wiederkehrender Satz, der uns Migrationsvordergründlern als Grund unserer Ablehnung von den intellektuellen, privilegierten Theaterdramaturg:innen, vorgekaut wurde, war: Es gäbe nicht so viele Rollen für uns, wir seien zu speziell für die Zuschauer, wir machen ja hier deutsches Sprechtheater*.

Umgekehrt bedurfte es aber nie einer Erklärung, warum „Sultan Saladin“ aus Lessings Nathan oder „Muley Hassan“ aus Schillers Fiesco nahezu immer von weißen Darstellern verkörpert wurden. Dies schien der „typische Theaterzuschauer“ wohl nie zu hinterfragen.

Deine Vision für ein zeitgemäßes Theater ohne Rassismus – was ist deine Utopie?

Diese Form der Ausgrenzungen aufgrund von Herkunft und Hautfarbe, und die damit verbundenen Wunden der Betroffenen, waren den Dramaturg:innen über so viele Jahre hinweg vollkommen egal. Bis ein paar wenige es riskierten und sich trauten, öffentlich Kritik zu äußern und die jahrelange, gängige Theaterpraxis der Diskriminierung in der gesamten Theaterlandschaft zu verbreiten. Und sie bekamen zum Glück viel Zuspruch und Unterstützung.

Der Fehler lag also im System und nie bei den „ach so fremden, POC Darstellerinnen.“. Seitdem sind endlich Veränderungen passiert. Ensembles werden vielfältiger, nicht-weiße Darstellerinnen spielen deutsche Figuren, ohne dass es dem Publikum erklärt wird. Es wird einfach behauptet, Punkt. Der Zuschauer sieht somit immer mehr eine deutsche Gesellschaft auf der Bühne, die ganz selbstverständlich aus unterschiedlichen Hautfarben und Herkünften besteht. Eine Gesellschaft, in dem es nicht ein „Wir“ und die „Anderen“ gibt, sondern nur ein „Wir“.

So kann unterbewusst das Zusammengehörigkeitsgefühl und ein funktionierendes Zusammenleben langfristig im Bewusstsein der Menschen verankert werden….zumindest beim Theaterpublikum. Für die Zukunft eines zeitgemäßen Theaters wünsche ich mir außerdem, dass Wörter wie das N-, Z-Wort oder „der Sarotti-M“ nicht auf unseren Bühnen ausgesprochen werden, um die damit verbundenen Verletzungen von marginalisierten Gruppen nicht wieder und wieder zu reproduzieren.

Das hat nichts mit einer künstlerischen Freiheitsberaubung oder einer woken Sprachpolizei zu tun, sondern mit Respekt und Anerkennung von denjenigen Menschen, die im Theater so lange aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft abgelehnt wurden bzw. nicht vorkamen … und wenn, dann nur als unterwürfige Täter, Opfer oder als Ausländerinnen.

Meine Vision ist es, dass Diversity nicht nur als Mode benutzt wird, um laute kritische Stimmen ruhig zu stellen, sondern auch als Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit gesehen wird, um Vorurteile und Ängste abzubauen, aber auch um neue Vorbilder im Theater zu zeigen, damit vielleicht in Zukunft auch unser Theaterpublikum vielfältiger wird. Es wäre uns zu wünschen.

Portrait Fotografie © Dominik Maringer

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