Das Narrativ der strukturellen Andersartigkeit

Vom Mythos der Sonderstellung zur Notwendigkeit echter Reformen

„Wir sind doch kein normaler Produktionsbetrieb!“

Beschreibung

Es stimmt: Theater ist ein Raum verdichteter Emotion, kollektiver Vorstellungskraft und existenzieller Hingabe. Hier wird Sinn produziert statt Ware. Mit Leidenschaft, Mut und künstlerischem Risiko. Erfolg ist nicht objektiv, sondern diskursiv: Was als gelungen gilt, wird verhandelt und ist nur schwer kalkulierbar. Es ist extrem arbeitsteilig und gemeinschaftlich. Das macht den Arbeitsplatz Theater so unvergleichbar. Darum ist es auch nachvollziehbar, dass der Satz „Wir sind doch kein normaler Produktionsbetrieb!“ nachgerade reflexhaft ausgerufen wird, sobald Reformvorschläge aufkommen, die einen Wissenstransfer aus anderen Bereichen der Zusammenarbeit, oder gar aus der freien Wirtschaft, vorschlagen. Er signalisiert Widerstand gegen ökonomische Vereinnahmung und dient als Schutzmechanismus, um Kunst vor marktwirtschaftlichen Interessen zu bewahren.

Einordnung

Doch das Narrativ lässt eine Sache außer Acht: Die Arbeitsorganisation eines Theaters besteht zum Großteil aus nicht-künstlerischen Berufsbildern wie Verwaltung, Vertrieb, Marketing, Facility Management usw. Hinzu kommen Gewerke wie Schlosserei, Schneiderei, Schreinerei. Und selbst die Entstehung eines Theaterabends folgt eng getakteten Abläufen und Vorgaben: Budgetierungen, Werkverträge, Genehmigungsschleifen, Lagerkapazität, Terminabsprachen usw.
Allein die Konzeptionsfindung und der Probenprozess bleiben von dieser Arbeitsorganisation weitgehend ausgenommen, obwohl sogar diese verbindlichen Vorgaben folgen müssen (Abgabetermin, Probenzeitraum, Ruhezeiten, Premierentermin etc.). Der künstlerische Kern eines Theaterbetriebes ist also in organisatorische Vorgänge nicht nur eingebettet, sondern sogar auf sie angewiesen. Somit ließen sich sehr wohl Vergleiche zu anderen Produktionsbetrieben ziehen.

Wirkung

Die Vorstellung, dass Organisationsmodernisierung im Theater per se gleichbedeutend mit dem Verlust kreativer Freiheit sei, wirkt dadurch nicht nur als Schutz nach außen, sondern zeitgleich auch als Innovationsbremse nach innen. Denn unhinterfragt sorgt dieses Narrativ auch dafür, dass potenziell ineffiziente Abläufe bestehen bleiben und notwendige Reformprozesse hinausgezögert werden. Es legitimiert so den Erhalt des Status Quo, obwohl viele Häuser unter hausgemachtem Reformstau leiden: ineffiziente Kommunikation, mangelnde Transparenz, unklare Verantwortlichkeiten, Überlastung, hohe Fluktuation, wachsender Fachkräftemangel, zuweilen sogar vermeidbare Kosten etc.

Und es wird ein Paradoxon tradiert: Einerseits wird suggeriert, man befinde sich in einem stetig flexiblen Arbeitsprozess, der sich ganz den Bedürfnissen der Kunst unterwirft, andererseits befindet man sich de facto in einem streng geregelten Planungskorsett, in dem spontane Abweichungen häufig zu Spannungen oder teils erheblichen Mehrkosten führen können.

Fazit

Das Narrativ „Wir sind kein normaler Produktionsbetrieb“ darf nicht als Ausrede für reformative Trägheit dienen. Es sollte nicht reflexhaft herangezogen werden, um alleine schon das Nachdenken über effizientere, flexiblere Arbeitsabläufe und Kommunikationsoptionen zu unterbinden. Es braucht keine marktwirtschaftliche Anpassung des Kulturbetriebs, aber eine mutige Öffnung gegenüber progressiven Arbeits- und Führungsmodellen. Wer eine Sonderstellung beansprucht, muss besonders verantwortungsvoll mit Strukturen, Ressourcen und Menschen umgehen. Sich von modernen Produktions- und Kommunikationsmodellen inspirieren zu lassen, ist kein Verrat an der Kunst, sondern ein Akt, sie zukunftstauglich zu gestalten.

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