Das Narrativ vom nervlichen Ausnahmezustand

Zwischen Adrenalin und Allmacht – das Schauspiel der Unantastbarkeit.

„Wenn wir auf die Bühne gehen, sind wir in einem nervlichen Ausnahmezustand!“

Beschreibung 

Dieses Narrativ stammt aus der Romantik, als Künstler:innen zu außergewöhnlichen Genies verklärt wurden. Ihr Auftritt sollte über das Alltägliche hinausweisen, ihre Launen galten als Zeichen von Inspiration. Später griff das bürgerliche Theater diese Vorstellung auf und machte die Bühne zum erhabenen Ort. Bis heute wirkt dieses Bild nach: Wer Intensität zeigt, darf aus der Norm fallen und wird dafür sogar bewundert. Launenhaftigkeit und Reizbarkeit werden zum Maßstab für künstlerische Qualität. Und da fast alle Menschen das Gefühl von Lampenfieber und die Sehnsucht nach künstlerischer Entrückung kennen, wirkt dieses Narrativ, vor allem für Nicht-Künstler:innen, sogar noch heute plausibel. 

Einordnung

Doch die Grenze dieses Narrativs ist dort erreicht, wo aus der Bewunderung für künstlerische Sensibilität ein Recht auf übergriffiges Verhalten abgeleitet wird.
Denn obwohl alle Beteiligten einer Produktion, denselben äußeren Bedingungen wie Leistungsdruck, Lampenfieber und Premieren-Stress ausgesetzt sind, sind es meist Einzelpersonen, die bereits während der Proben durch Grenzüberschreitungen auffallen. Diese wiederkehrende Einzelauffälligkeit lässt weniger auf eine künstlerisch bedingte Ausnahmesituation schließen, sondern eher  persönliche Unsicherheit, Charakterschwäche und fehlende Impulskontrolle vermuten. Zudem verweisen jene gern auf dieses Narrativ, die dieses Verhalten selbst an den Tag legen. Was den Schluss nahelegt, dass es sich schlicht um ein Rechtfertigungsnarrativ (also eine nachträgliche, sprachliche Absicherung grenzüberschreitenden Verhaltens) handelt. Und dabei ist der rhetorische Trick der Verallgemeinerung besonders nützlich: Das Narrativ wird häufig in der „Wir“-Form formuliert, wodurch Einzelverhalten verallgemeinert und auf das gesamte Ensemble projiziert wird. Wer „wir“ sagt, stilisiert eigenes Verhalten zur Norm und immunisiert sich gegen Kritik. Besonders gegen Kritik von Außen.

Wirkung

So schützt dieses Narrativ einzelne Personen, häufig solche mit Status, vor den Konsequenzen ihres Verhaltens. Es verhindert eine offene Auseinandersetzung mit ihren Grenzüberschreitungen und stabilisiert nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern auch Strukturen: Es entzieht Täter:innen der Verantwortung, erschwert Kritik und hält eine Arbeitsatmosphäre aufrecht, in der Grenzüberschreitungen bagatellisiert werden. Das schadet nicht nur dem Klima im Ensemble, sondern auch dem Verständnis von professioneller Kunstproduktion. Denn in der Regel sind alle auf der Bühne Anwesenden professionelle Künstler:innen und viele von ihnen auch ohne Entgleisung zu exzellenten Leistungen in der Lage.

Fazit

Das Narrativ vom nervlichen Ausnahmezustand schützt künstlerische Intensität, verschleiert aber zugleich Fehlverhalten, stabilisiert Hierarchien und erschwert Kritik. Wenn es unhinterfragt stehen gelassen wird, können Übergriffe die Norm bleiben oder zur Norm werden.

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