Beschreibung
Dieses Narrativ knüpft an das aus der Romantik stammende Bild des Genies an und bildet das Fundament eines weit verbreiteten Selbstverständnisses: Kunst als Ort der Freiheit, des kreativen Regelbruchs, der Grenzüberschreitung. Wer am Theater arbeitet, bewegt sich jenseits von gesellschaftlichen Konventionen. Die Grenzüberschreitung wird zum vermeintlichen Qualitätskriterium: je radikaler, desto relevanter.
Einordnung
Eine Leerstelle zeigt sich darin, dass unklar bleibt, wer eigentlich bestimmt, welche Grenzen in der künstlerischen Arbeit überschritten werden – und auf wessen Kosten.
Ein Beispiel aus der Praxis:
Auf der Bühne wird eine gewalttätige Szene inszeniert. Wenn die Regie beim Einfordern größtmöglicher „Wahrhaftigkeit“ mit Demütigung, Verächtlichmachung und Handgreiflichkeiten agiert, haben die betroffenen Spieler:innen keinen Raum, ihre Grenzen aufzuzeigen. Und es kann gefährlich werden.
Wenn die Anwesenden solche Situationen schweigend hinnehmen, wird die Grenzüberschreitung legitimiert. Denn: Nicht kommentiert, heißt akzeptiert! Was als künstlerische Intensität beginnt, kann so in realen Machtmissbrauch kippen. Entscheidend ist deshalb die Frage: Wer definiert die Grenzen der Spielräume – und wie werden Schutzmechanismen für alle Beteiligten garantiert?
Optimalerweise werden solche Szenen mit genügend Zeit zur gegenseitigen Absprache geprobt. Wird aber anstatt dessen die genialische Entgrenzung zum Paradigma, kann auch gespielter Sadismus seine Eigendynamik entwickeln.
Wirkung
Dieses Narrativ zementiert den hartnäckigen Mythos einer schlichten Formel: Ohne Grenzüberschreitung keine gute Kunst. Das ist entschieden falsch.
Was in der Kunst als gelungen gilt, lässt sich nicht objektiv messen – weder Verkaufszahlen noch Kritiken im Feuilleton können den Kern künstlerischer Qualität vollständig erfassen. Sicher ist jedoch: Despotische Regie ist kein Garant für Exzellenz, ebenso wenig wie sie deren Voraussetzung ist: Brillante Abende können auch unter schwierigen Bedingungen entstehen – aber sie entstehen nicht wegen dieser Bedingungen. Entscheidend ist vielmehr das Gegenteil: Ein verlässlicher, respektvoller Rahmen eröffnet die größtmögliche Freiheit zur künstlerischen Entfaltung aller Beteiligten.
Zudem wird dieses Narrativ häufig in Zusammenhang mit Vorwürfen verwendet – meist von denjenigen, denen Grenzüberschreitungen vorgeworfen werden. In Folge wird der Übergriff meist mit der Aussage entschuldigt, man habe das nur gemacht, um das Beste aus dem Ensemble herauszuholen. Das ist die schwierigste aller Aussagen. Denn die Erfahrung zeigt, in den meisten Fällen trifft es eine oder wenige Personen eines Ensembles, während andere geradezu freundschaftlich behandelt werden. Und am Ende suggeriert diese Aussage unterschwellig sogar einen Opferstatus des Beschuldigten. „Ich musste zum Wohle der Kunst so handeln und werde nun dafür angegriffen” Dadurch werden die Betroffenen ein weiteres Mal gedemütigt. Denn indirekt wird ihnen durch diese Aussage Unvermögen oder mangelnder Einsatz unterstellt und sie werden dadurch für ihre Erfahrungen selbst verantwortlich gemacht. Am Ende steht eine gut getarnte, klassische Täter-Opfer-Umkehr.
Fazit
Grenzen überschreiten? Ja gern – aber bitte die eigenen.
Problematisch ist das Narrativ also dort, wo Grenzüberschreitung zum Selbstzweck wird.
Ein zeitgemäßes Verständnis von Kunstfreiheit braucht Differenzierung:
Kunst darf Grenzen hinterfragen, aber nicht über Menschen hinweggehen.
Sie darf Konventionen brechen, aber keine individuellen Grenzen ignorieren.
Sie darf radikal sein, aber nicht rücksichtslos. Es muss den Künstler:innen selbst überlassen sein, inwieweit ihre Grenzen überschritten werden.
Nicht alle im künstlerischen Prozess haben dieselbe Stimme, dieselbe Sichtbarkeit, dieselbe Sicherheit. Aber wahre künstlerische Größe zeigt sich nicht im rücksichtslosen Überschreiten der Grenzen anderer, sondern im Überschreiten der eigenen Grenzen.