Beschreibung
Das Narrativ der „Theaterfamilie“ ist tief im Kulturbetrieb verankert. Es taucht in Leitbildern, Intendanten:innen-Reden und Ensemblegesprächen ebenso auf, wie in Festschriften oder Jubiläumsbroschüren. Gemeint ist damit ein Bild, das Wärme, Nähe und Zugehörigkeit heraufbeschwört: eine Gemeinschaft, die sich nicht allein über Arbeitsverträge oder institutionelle Strukturen definiert, sondern über emotionale Verbundenheit. Die Metapher knüpft an Vorstellungen von gegenseitiger Fürsorge und einem besonderen Zusammenhalt an. Sie evoziert die Idee eines vertrauten Innenraums, in dem Menschen miteinander verbunden sind, nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen und weil sie Teil eines größeren Ganzen sind, das über das Individuum hinausweist.
Einordnung
Hinter dieser freundlichen Fassade verbirgt sich jedoch eine gefährliche Janusköpfigkeit. Denn es handelt sich dabei nicht um ein frei empfundenes Zugehörigkeitsgefühl, sondern eigentlich um eine Vereinnahmung. Ein Arbeitsverhältnis in einer Kulturinstitution ist ein professionelles Verhältnis – geregelt durch Rechte, Pflichten und klare Strukturen. Im Gegensatz zu der Bedingungslosigkeit der sozialen Familienzugehörigkeit, kann jedes Familienmitglied der Theaterfamilie per Kündigung jederzeit aus dieser Familie ausscheiden oder ausgeschieden werden. Außerdem sind die Rollen innerhalb dieser „Familie“ meist unausgesprochen, implizit und stark hierarchisch: Wer erringt ‚elterliche‘ Zuneigung und wer deren Ablehnung? Wie ist die Hierarchie unter den „Geschwistern“ geordnet? Wer gehört dazu und wer bleibt außen vor? Und wer beschwört eigentlich dieses Bild und in welchem Kontext?
Am ehesten stimmt dieses Bild in Bezug auf das Konkurrenzverhalten von Kindern um die elterliche Aufmerksamkeit. Allerdings wird in der sogenannten Theaterfamilie nicht nur um die väterliche oder mütterliche Zugewandtheit der Direktion gekämpft, sondern damit einhergehend auch um Sichtbarkeit, Karriere, Einkommen etc.
Zudem ist der Begriff „Familie“ nicht nur emotional, sondern auch politisch. Ob in mafiösen Strukturen, in autoritären Bewegungen oder in konservativen Religionsgemeinschaften – immer wieder dient „Familie“ als Instrument, um Zugehörigkeit einzuschwören, Abweichung zu sanktionieren und Macht zu sichern.
Schon antike Sprichwörter warnen: Familiarity breeds contempt – zu viel Nähe gebiert Verachtung.
Wirkung
das Bild der Familie erzeugt emotionale Abhängigkeiten. Kritik erscheint plötzlich nicht mehr als notwendiger Beitrag zur Verbesserung, sondern als Illoyalität. Wer widerspricht, riskiert den Vorwurf des Verrats oder gar den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Konflikte werden personalisiert, Nähe wird zur Pflicht und die emotionale Bindung wird zum Instrument der Kontrolle.
So entsteht ein System, in dem Opportunismus gedeiht: Wer Kritik unterdrückt und sich gefällig zeigt, darf auf besondere Gunst hoffen. Statt Zugehörigkeit entsteht so ein Klima der Anpassung.
Das Narrativ der Familie verklärt reale Machtverhältnisse und blockiert die notwendige Professionalität.
In anderen Branchen wird das Selbstverständnis des beruflichen Umfelds als sogenannte Familie bereits seit geraumer Zeit kritisch hinterfragt oder ganz ausgelassen.
- Wenn Teams sich als Familie bezeichnen
- Wir sind eine große Familie
- Wenn Unternehmenskultur gruselig wird
- Warum diese Aussage nichts in Unternehmen verloren hat
Fazit
Das Narrativ von der „Theaterfamilie“ ist ein kultureller Mythos mit zwei Gesichtern: Es kann Zugehörigkeit stiften – aber auch Abhängigkeit erzeugen. Wo faktische Machtstrukturen hinter familiärer Sprache verschwinden, fehlt Raum für Kritik, Mitsprache und Transparenz.
Ein zeitgemäßes Theater braucht keine familiäre Überhöhung, sondern eine kollegiale Zusammenarbeit: strukturiert, professionell, klar in den Rollen und offen im Dialog. Denn echte Zugehörigkeit entsteht nicht durch sentimentale Rhetorik, sondern durch ein faires, respektvolles und verbindliches Miteinander als TEAM.