Beschreibung
„Am Ende muss ICH meinen Kopf hinhalten“, suggeriert hohes persönliches Risiko und eine exponierte Verantwortung. Zutreffend ist, dass Leitungspositionen öffentlich unter Beobachtung stehen, Budget- & Programmverantwortung tragen und als alleiniger Ansprechpartner für die Politik fungieren. Gerade am Beginn einer neuen Intendanz richten sich alle Augen auf die Person, die in den kommenden Jahren für Erfolg oder Misserfolg des Hauses verantwortlich gemacht wird. Die neue Leitung bürgt, quasi mit ihrem Namen, für den Ruf des Hauses. Bei diesem enormen Druck ist es leicht nachvollziehbar, dass sich diese Rolle tatsächlich heroisch und isoliert anfühlt.
Einordnung
Doch bei genauerer Betrachtung offenbart dieser Satz nicht ausschließlich ein besonderes Verantwortungsbewusstsein, sondern auch ein problematisches Führungsverständnis und eine Strategie der internen Machtsicherung. Denn in der Praxis zeigt sich: Stimmen die Auslastungszahlen nicht oder bricht der Rückhalt der Kulturpolitik weg, wird die Leitung zwar über die erste Amtsperiode hinaus kaum verlängert (Ein Umstand, den Künstler:innen qua Vertrag gut kennen). Doch in vielen anderen Fällen bleiben Konsequenzen für Missmanagement oder strukturelle Missstände im Kulturbetrieb aus.
Thomas Schmidt schreibt: „Selbst bei offensichtlichen Krisen werden Intendanten kaum je zur Rechenschaft gezogen und selten rechtzeitig genug aufgefordert, Missstände aufzuklären oder ihre Position zu räumen. In viel zu vielen Fällen wird an den Intendanten auch dann noch festgehalten, wenn das Theater bereits Schaden genommen hat, wie etwa in Rostock (2014) und Trier (2016). In beiden Fällen gab es gravierende menschliche Fehler, aber auch große strukturelle Probleme und eine mangelhafte Corporate Governance, insbesondere was die Aufsichtspflichten und die Regelungen des Verhaltens der Geschäftsführung betraf.“ (S. 48) und weiter: „So wurde in bisherigen Fällen der Überziehung von Budgets und Wirtschaftsplänen durchschnittlich nur in einem von zehn Fällen ein Intendant zur Rechenschaft gezogen – zuletzt in Bremen (2008) und Wien (2013–2015)“ (S. 33) „Intendanten können auf Basis … [ihres] Vertrages im Prinzip kaum und nur gegen die volle Auszahlung der Restlaufzeit des Vertrages abgelöst werden, was den kommunalen Theaterbetrieb bzw. dem Theater finanziell oft nicht möglich ist. So verzichtet man lieber auf Konflikte und Auseinandersetzungen und lässt selbst dort noch gewähren, wo es längst Handlungsbedarf gegeben hätte“ (S. 56 ) (Thomas Schmidt „Macht und Struktur im Theater“ 2019)
Wirkung
Dieses Narrativ unterstützt einen entscheidenden internen Vorteil: Wer allein „den Kopf hinhält“, beansprucht im Umkehrschluss auch alleinige Entscheidungsmacht. Verantwortung wird nicht als geteilte Aufgabe verstanden, sondern als Monopol. Ein „Monopol“, dem eine Person allein, bei der geballten Aufgabenfülle, mit der sich eine zeitgenössische Theaterleitung konfrontiert sieht, kaum gerecht werden kann. Mögliche Folgen: Entscheidungen werden zentralisiert, die Entscheidungen von Abteilungsleiter:innen & Leading Teams werden nicht berücksichtigt, Fehler tabuisiert und Kritik als Angriff empfunden. Es etabliert sich ein System ohne Fehlerkultur, in der die Leitung unangreifbar erscheint, während Mitarbeitende mit den Konsequenzen von Fehlentscheidungen leben müssen. Damit werden letztlich Machtverhältnisse stabilisiert und strukturelle Erneuerung wie das Etablieren einer zeitgemäßen Organisationskultur verhindert.
Fazit
Ja, Intendanz-Personen stehen in der Gesamtverantwortung, doch das Narrativ der tragischen Alleinverantwortung behauptet Verantwortung, wo tatsächlich einseitige Kontrolle zementiert und Fehlerkultur verhindert wird. Wenn Entscheidungen verantwortungsvoll und unter Berücksichtigung vieler Perspektiven getroffen werden, sind diese Entscheidungen immer zu argumentieren und zu vertreten. Ein zeitgemäßes Theater entsteht dort, wo Macht geteilt wird: zwischen Intendanz, Leading Teams und Belegschaft. Und wo Leitung nicht als heroische Figur, sondern als Moderatorin eines gemeinsamen Prozesses wirksam wird.