In der Interventionsphase entscheidet sich, ob ein Theater auf Hinweise zu Fehlverhalten rasch und angemessen reagiert oder Schutzversprechen bricht. Typische Fehler entstehen hier nicht nur aus Unwissenheit, sondern oft aus Unsicherheit, womöglich unbewussten Loyalitätskonflikten oder institutionellen Abwehrreflexen.
Die folgenden Indikatoren zeigen, wo Intervention misslingt – durch Untätigkeit, schlechte Kommunikation oder den Versuch, Kontrolle zu behalten, statt Verantwortung zu übernehmen.
„Wir melden uns, wenn wir mehr wissen.“
Nach Hinweisen bleibt alles vage. Keine Taskforce, kein klarer Ablauf; stattdessen Abwarten.
Beispiel:
Nach einem anonymen Schreiben herrscht tagelang Funkstille. Erst nach öffentlichem Druck äußert sich die Leitung.
Was dahintersteckt:
Keine Führung im Krisenfall:
Es fehlt an Klartext, Verantwortungsbewusstsein und Problembenennung. Vernebelnde Sprache unterstützt dabei, keine Verantwortung zu übernehmen: Aus Unsicherheit, Angst vor Fehlern oder strategischem Zögern.
Kein Statement. Kein Signal. Kein Schutz.
Die Leitung äußert sich nicht, weder intern noch extern.
Beispiel:
Medien berichten über Vorwürfe. Zwei Wochen lang erfolgt keine Kommunikation. Dann ein vages Statement: „Wir nehmen das sehr ernst.“
Was dahintersteckt:
Schweigen trotz öffentlicher Vorwürfe:
Sprachlosigkeit wird zur Haltung. Schweigen wirkt wie Leugnung.
„Ach, davon weiß ich nichts – hast du das schon offiziell gehört?“
Unterschiedliche Gruppen bekommen verschiedene Informationen oder gar keine.
Beispiel:
Das Technikteam erfährt von Vorwürfen durch die Medien, während andere intern informiert werden.
Was dahintersteckt:
Widersprüchliche Kommunikation:
Es fehlt eine abgestimmte Krisenkommunikation. Informationsvorsprünge schaffen Unruhe, Gerüchte und Misstrauen.
"Hast du versucht, dich mit ihm auszusprechen? Sortier' dich erstmal, und dann schauen wir weiter."
Keine Unterstützung, keine Schutzmaßnahmen – Verantwortungsverschiebung.
Beispiel:
Eine Schauspielerin meldet Grenzverletzungen. Sie wird gebeten, das Gespräch mit dem Beschuldigten zu suchen, und zwar allein, da in der Guideline für Führungskräfte festgehalten wurde, dass die sich beklagenden Personen jeweils zunächst in ein Vier-Augengespräch mit dem mutmaßlichen Aggressor zu schicken sind.
Was dahintersteckt:
Betroffene bleiben allein:
Die berühmte “Aussprache” stellt eine kritische Handlungsanweisung dar, denn es wird womöglich systematisch asymmetrische Grenzüberschreitung mit einem eher harmlosen Konflikt verwechselt. Betroffenen wird Verantwortung zugeschoben, um die Organisation zu entlasten. Eine Kultur des Wegsehens.
"Willst du dem Haus schaden?"
Rückmeldungen und -fragen werden als persönlich illoyal gewertet. Schutz gibt es keinen.
Beispiel:
Ein Mitarbeiter äußert sich intern – kurz darauf folgen abfällige Bemerkungen im Kolleg:innenkreis.
Was dahintersteckt:
Druck auf Hinweisgeber:innen:
Loyalität steht über Verantwortung. Hinweisgeber:innen gelten als Risiko und nicht als Ressource.
"So ist eben der Tonfall in der Kunst."
Vorwürfe werden bagatellisiert, relativiert und Überschreitungen auf reine Lautstärke reduziert, durch Berufung auf Stil, Handschrift oder Hauskultur.
Beispiel:
Eine Respektsperson ordnet ein: „Das ist kein Machtmissbrauch, das ist künstlerische Leidenschaft. Im Premierenstress kann es schon mal laut werden.“
Was dahintersteckt:
Verharmlosung durch vertraute Narrative:
Romantisierung von Grenzüberschreitungen, institutionelle Schutzmechanismen für dominante Figuren und bestehenden Machtmissbrauch.
Warten wir ab, wie sich das entwickelt."
Beschuldigte Personen bleiben im Amt, obwohl Schutzmaßnahmen möglich wären.
Beispiel:
Trotz glaubwürdiger bzw. schwerwiegender Hinweise wird keine vorläufige Maßnahme wie eine vorübergehende Dienstfreistellung der beschuldigten Person umgesetzt.
Was dahintersteckt:
Kein Schutz trotz Handlungsbedarf:
Kein Schutz trotz Handlungsbedarf: Die Organisation geht kein Risiko ein – auf Kosten der Sicherheit anderer, obschon es Teil der dienstgeberischen Fürsorgepflicht ist, für Schutz zu sorgen, bei dem den Betroffenen keine Nachteile entstehen dürfen.
Fazit
Fehlende Führung, vages Kommunizieren und Schutzverweigerung machen aus einem Hinweis erst eine Krise – und aus der Krise ein Vertrauensdesaster. Eine glaubwürdige Intervention ist dagegen vielleicht nicht perfekt, aber sichtbar, nachvollziehbar und handlungsbereit.