Die Präventionsphase unterscheidet sich grundlegend von den anderen drei Phasen: Sie ist nicht reaktiv, sondern prophylaktisch. Während Intervention, Untersuchung und Nachsorge auf ein konkretes Fehlverhalten oder eine Krise folgen, soll Prävention Risiken frühzeitig minimieren und damit verhindern, dass es überhaupt zu Übergriffen, Grenzverletzungen oder systemischem Missbrauch kommt. Gerade deshalb wird sie in vielen Kulturbetrieben vernachlässigt oder zur bloßen PR-Maßnahme degradiert.
Die hier aufgeführten Mängelindikatoren zeigen, wo Prävention ihre Schutzfunktion verfehlt – und wo ihre Abwesenheit selbst zum Risiko wird. Die zugrundeliegenden Muster lassen sich drei zentralen Ursachenfeldern zuordnen: Strukturelle Mängel, organisationskulturelle Barrieren sowie Prozess- und Evaluationslücken. Diese Kategorisierung hilft, nicht nur Symptome zu benennen, sondern gezielt Ansatzpunkte für Veränderung zu identifizieren.
„Das steht auf der Website.“
Prävention als reine Formalie für den Glanz nach außen
Präventionsmaßnahmen existieren nur auf dem Papier oder dienen der Außendarstellung, ohne praktische Umsetzung im Betrieb.
Beispiel:
Das Theater verweist auf ein aufwändig gestaltetes Präventionskonzept auf der Website. Intern weiß niemand, wer für dessen Umsetzung und Einhaltung zuständig ist. Die dort genannten Maßnahmen wurden nie oder lediglich verbal eingeführt. Die notwendigen Abläufe sind weder bekannt noch je definiert.
Was dahintersteckt:
Papier statt Praxis: Prävention wird als Marketingstrategie behandelt – nicht als Führungsaufgabe.
„Natürlich kannst du zur Intendanz gehen – aber überleg’s dir gut.“
Fehlende niedrigschwellige Anlaufstellen
Beschwerdemechanismen sind unklar oder fehlen, Schutzstrukturen sind nicht zugänglich oder nicht vertrauenswürdig.
Beispiel:
Neue Betriebszugehörige fragen, an wen sie sich bei Problemen wenden können, da kein Organigramm aufzufinden ist. Die Antwort: „Du kannst zur Direktion gehen, aber überleg’s dir gut.“ Eine externe Vertrauensstelle gibt es nicht.
Was dahintersteckt:
Kein Schutz-System: Strukturelle Schutzmaßnahmen und assoziierte Abläufe sind nicht vorhanden oder wirken abschreckend.
„Das macht sie aus Idealismus.“
Unklare Verantwortlichkeiten und fehlende Ressourcen
Präventionsarbeit wird als individuelle Freizeitbetätigung oder Ehrenamt begriffen, nicht als institutionelle Verantwortung. Es fehlt eine formale Zuweisung von Verantwortung oder Ressourcenzuteilung.
Beispiel:
Eine Dramaturgin entwickelt in Eigeninitiative Präventionsleitfäden und Vorschläge für ein Leitbild. Es fehlt aber eine formale Einbettung; niemand fühlt sich zuständig für Umsetzung oder Verstetigung.
Was dahintersteckt:
Verantwortungslosigkeit durch Diffusion: Ohne klare Zuständigkeit bleibt Prävention unverbindlich.
„Das passt nicht zu unserem künstlerischen Selbstverständnis.“
Tabuisierung von Macht und Abhängigkeit
Über Macht, Hierarchie oder Abhängigkeit wird nicht gesprochen oder diese werden romantisiert und normalisiert (Z.B. im Sinne von: “Das läuft doch in jedem Theater so.”)
Beispiel:
Ein Dialogformat zu „Macht und Kommunikation“ wird abgesagt. Intern heißt es, „man müsse die besondere Handschrift der Regie eben aushalten können.“
Was dahintersteckt:
Romantisierung von Übergriffen: Künstlerisches Selbstbild und der Erhalt althergebracheter Narrative wird über Schutzinteressen und positive Weiterentwicklung gestellt.
„Das war doch freiwillig.“
Keine Schulungen oder Sensibilisierung
Weder Führungskräfte noch Mitarbeitende erhalten Orientierung zu Themen wie Machtmissbrauch, Nähe und Distanz oder diskriminierungsfreier Kommunikation.
Beispiel:
Die letzte Schulung zu „Umgang mit Nähe und Distanz“ liegt vier Jahre zurück – die Teilnahme war freiwillig. Neu eingestellte Mitarbeiter:innen und Gastregisseur:innen erhalten keinerlei Einführung in Compliance-Standards sowie keinen Code of Conduct zur Unterschrift vorgelegt. Es gibt keine verpflichtenden Schulungen innerhalb der ersten 3 Monate nach Arbeitsbeginn oder innerhalb von 2 Jahren für Bestandsmitarbeitende.
Was dahintersteckt:
Fehlendes Bewusstsein: Ohne Wissen keine Prävention.
„So ist er halt.“
Fehlende Feedback- und Reflexionskultur
Hierarchien verhindern kritische Rückmeldungen. Beschwerden bleiben folgenlos oder führen zu Sanktionen gegen die Beschwerdeführenden. Im Extremfall muss das den Mitarbeitenden gar nicht explizit gesagt werden. Es gibt keine definierten Rückmeldewege oder Schutzregelungen für kritische Hinweise.
Beispiel:
Eine Requisiteurin äußert Bedenken über wiederholte Grenzüberschreitungen einer Führungskraft. Die Teamleitung reagiert mit: „So ist er halt. Beschwer` dich nicht, sonst gibt es Ärger für uns alle.“
Was dahintersteckt:
Schweigespirale durch Angst: Feedback ist nicht vorgesehen, sondern risikobehaftet.
„Die kennen unseren Kontext nicht.“
Widerstand gegen externe Perspektiven
Externe Fachstellen oder Berater:innen werden abgelehnt, ihre Expertise abgewehrt, weil sie als systemfremd oder bedrohlich gelten.
Beispiel:
Ein Vorschlag des Betriebsrats, eine externe Fachstelle zur Präventionsentwicklung einzuladen, wird mit dem Hinweis abgelehnt, man wolle „nicht alles pathologisieren“ oder „Skandalisierung vermeiden“, außerdem “ist das Theater ganz besonders, das verstehen Fachfremde nicht.”
Was dahintersteckt:
Selbstimmunisierung: Die Institution verweigert Lernimpulse von außen.
„Das war ein gutes Signal – das reicht doch.“
Einmalige Maßnahmen ohne Verstetigung
Einzelne Veranstaltungen ersetzen keine strukturelle Prävention. Ohne Prozessanbindung bleiben sie folgenlos. Es gibt auch innerhalb von 3 Monaten keine Nachhaltung oder Folgeprozesse.
Beispiel:
Nach einem Vorfall findet ein einmaliger Impulsvortrag statt. Danach kehrt der Betrieb zur Tagesordnung zurück. Es gibt keine Prozessveränderungen oder Rückmeldemöglichkeiten.
Was dahintersteckt:
Symbolpolitik statt Strukturarbeit: Wirkung verpufft ohne Verstetigung.
„Das läuft intern.“
Keine Evaluation der Präventionsmaßnahmen
Es wird nicht überprüft, ob Maßnahmen bekannt, wirksam und zugänglich sind. Rückmeldungen werden nicht eingeholt.
Beispiel:
Der neue Code of Conduct wird eingeführt. Zwei Jahre später weiß kaum jemand davon. Eine Evaluation zur Bekanntheit, Anwendbarkeit oder Verbesserung wurde nie durchgeführt.
Was dahintersteckt:
Blindflug in der Prävention: Ohne Feedback kein Lernen.
Fazit
Prävention ist kein Aushängeschild, sondern ein Fundament. Wo sie strukturell verankert, kulturell getragen und systematisch überprüft wird, entsteht ein sicherer Raum für alle. Wo sie ins Leere läuft, bleibt nur eine Illusion von Schutz – und die nächste Krise ist vorprogrammiert.