Am Theater gilt vieles als unausgesprochen selbstverständlich – nicht zuletzt das Schweigen.
Wer spricht, riskiert, wer schweigt, zeigt Zugehörigkeit. Diese stille Übereinkunft ist tief in vielen Häusern verankert: Als Ausdruck von Loyalität, als Schutz der künstlerischen Freiheit, als Strategie zur Selbstverortung in einem hierarchischen System. Schweigen wird dabei nicht nur geduldet, sondern oft aktiv als Tugend eingeübt, etwa durch Sätze wie: „Wir klären des intern“ – „Mach kein Drama daraus.“ – „Das Theater muss geschützt werden“ – „wir haben doch schon genug darüber geredet.“
Der Gewinn für die Bevorteilten: Wo Schweigen als Loyalitätsbeweis gilt, werden Machtungleichgewichte nicht sichtbar, Grenzverletzungen nicht benannt. Die Grenze zwischen Zusammenhalt und Komplizenschaft wird dabei leicht überschritten. Wer auf Missstände hinweist, durchbricht nicht nur das Schweigen, sondern auch das implizite Loyalitätsversprechen und bringt sich selbst damit oft in eine schwierige Lage. Statt Rückendeckung drohen Isolation, Abwertung oder die stille Frage: „Warum machst du das jetzt zum Thema?“
Diese Dynamik erklärt, warum so viele Beispiele in der Praxis nicht „richtig“ aussehen: Weil Menschen, die sich äußern, dies in einem Klima tun, das nicht auf Offenheit, sondern auf Abwehr und Konstituierung konditioniert ist. Es ist ein stiller systemischer Reflex, kein persönliches Versagen.
Wer Schweigen als kulturelle Norm durchbrechen will, muss deshalb tiefer ansetzen: Bei der Vorstellung davon, was Loyalität bedeutet. Nicht das Schweigen über Missstände ist Loyalität , sondern das integre Eintreten für sichere, faire und respektvolle Arbeitsbedingungen. Nicht die Abwehr von Kritik schützt den Ruf der Institution, sondern die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Eine Institution, die sich dem stellt, bricht nicht nur mit alten Reflexen; es setzt ein neues Verständnis von Zusammenhalt frei: eines, das auf Wahrhaftigkeit basiert, nicht auf Verschweigen.