In Eigenregie

Man hetzt von Vorbereitung über Proben, Beleuchtungsproben, Hauptproben bis zu Kritik- und Nachbereitungszeiten. Die geplanten Abläufe geraten ins Wanken, die Tage werden lang und chaotisch, und der Druck steigt massiv.

Als Regisseurin arbeite ich freiberuflich und muss mich ständig um neue Jobs und Folgeaufträge an Theatern bemühen. Je nach gefühltem Status habe ich mehr oder weniger Mitspracherecht – bei Stoff, Besetzung oder Zeitplan. Schon dieser Umstand stellt in Frage, wie künstlerisch wertvoll die Theater wirklich handeln. In der Praxis behandeln viele Häuser uns Externe außerdem eher wie dauerhaft verfügbare Angestellte.
Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass für uns feste Deadlines gelten, während Absprachen, Zusagen und wichtige Informationen, die wir für unsere Arbeit brauchen, oft spät oder gar nicht kommen, teilweise obwohl sie vertraglich festgesetzt wären. Begründet wird das auf Rückfrage dann meist mit den „Sachzwängen des Betriebs“. Von außen wirkt das weniger wie Sachzwang, sondern eher wie schlechte Planung oder schlimmer: Gleichgültigkeit.
Denn jede Regiearbeit ist für uns auch immer eine Visitenkarte für die Zukunft. Jede Produktion kann entscheidend sein, ob wir Folgeaufträge an diesem oder einem anderen Haus erhalten. Entsprechend kompensieren wir Versäumnisse der Häuser fast immer selbst: Wir arbeiten mehr, reagieren flexibler, schlucken Unklarheiten und machen faule Kompromisse – meistens still und eigenständig.
Besonders herausfordernd wird es, wenn man parallel in der Endprobenphase an einem anderen Haus arbeitet. Dann bedarf es enormer Organisation und wenn ein Haus seine Deadlines nicht einhält oder Absprachen nicht eingehalten werden, gerät alles durcheinander. Man hetzt von Vorbereitung über Proben, Beleuchtungsproben, Hauptproben bis zu Kritik- und Nachbereitungszeiten und hat dann noch das Chaos der Folgeproduktion zu managen. Die geplanten Abläufe geraten ins Wanken, die Tage werden lang und chaotisch, und der Druck steigt massiv.
Diese stille Mehrarbeit hat ihren Preis. Verantwortung wird von den Häusern auf uns Einzelne verschoben. Was eigentlich organisatorische Probleme der Betriebe sind, wird zur persönlichen Belastung: unbezahlte Zusatzarbeit, permanente Erreichbarkeit, Arbeiten unter unsicheren Bedingungen. Wer Missstände anspricht oder Verbesserungsvorschläge macht, gilt schnell als „schwierig“. In einem stark beziehungsgetriebenen Feld kann das existenzielle Folgen haben.
So entsteht ein seltsames Arbeitsverhältnis: formal selbstständig, faktisch aber stark abhängig. Die viel beschworene künstlerische Freiheit kollidiert mit einem Betrieb, der Anpassung und Stillhalten belohnt. Nicht aus bösem Willen, sondern aus einer über Jahre gewachsenen Praxis, in der Machtungleichgewichte unsichtbar bleiben – solange alles reibungslos funktioniert.
Sichtbar werden sie erst, wenn man Grenzen setzt, Verbindlichkeit einfordert oder Missstände benennt. Dann reagieren Betriebe nicht selten defensiv oder abweisend. Das ist kein individuelles Problem einzelner Häuser, sondern ein Muster: Risiken werden nach außen verlagert, Verantwortung individualisiert, Abhängigkeit stillschweigend vorausgesetzt.
Am Ende bleibt oft nur, dass ich alles selbst organisiere, notgedrungen und schlecht improvisiere und abfedere, damit die Arbeit überhaupt läuft. Das ist anstrengend, frustrierend und unfair – und trotzdem fühle ich mich permanent verantwortlich. So existiert ein Kreislauf, der ganz sicher nicht die besten Theaterabende für unser hochverehrtes Publikum hervorbringt.

Was ich anderen mitgeben möchte:

Passt auf eure Zeit und eure Grenzen auf, denn niemand sonst macht das für euch.
Redet über Probleme, tauscht euch aus, vernetzt euch mit anderen Häusern und Kolleg:innen. Gemeinsam sieht man oft klarer, wo es hakt.
Und vergesst nicht: Eure Arbeit ist wertvoll. Wer sie liebt, muss nicht alles alleine stemmen oder sich ständig überlasten.

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