Welche Rolle und Verantwortung hat die Musiktheater-Regie im zeitgemäßen Theater?
Seit 2001 assistiere und inszeniere ich in der Welt der Oper. Die strukturelle Dimension des Problems wurde mir erst mit der ersten Burning Issues Konferenz 2018 wirklich bewusst. Zuvor verheimlichte ich meine Kinder und fühlte mich persönlich getroffen, wenn mein Regiedozent mir vorwarf, zu sehr auf Augenhöhe zu arbeiten. Seitdem formuliere ich meine Arbeitsweise klar: queerfeministisch, familienfreundlich, diskriminierungsfrei und teambasiert.
Gerade im Musiktheater, das von Hierarchien, Traditionen und patriarchalen Strukturen geprägt ist, sehe ich die Verantwortung der Regie darin, diese Strukturen weder auf noch hinter der Bühne zu reproduzieren. Für mich gehört dazu, im Probenprozess eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der Offenheit, Vertrauen und Zusammenarbeit möglich sind. Mein Vorgehen möchte den Geniekult des Einzelnen untergraben. Ich arbeite suchend, transparent, kommunikativ und kollektiv. Dabei ist mir wichtig, die Menschen im Raum nicht nur funktional wahrzunehmen, sondern ihnen mit dem Bewusstsein zu begegnen, dass künstlerische Arbeit immer auch soziale Praxis ist.
Ich bringe bewährte Arbeitsweisen aus der Freien Szene mit ein, etwa regelmäßige Warm-Ups, die konzeptionelle Zusammenarbeit mit der Musikalischen Leitung und Einblock-Proben. Ich versuche außerdem, Themen wie Diversität, Barrierefreiheit, Schlafmöglichkeiten in Probenraumnähe und andere bedürfnisorientierte Fragen in den Produktionsalltag einzubringen. Für mich ist zeitgemäße Musiktheater-Regie deshalb auch ein Beitrag dazu, den Betrieb selbst fairer und bewusster zu gestalten.
Wo siehst Du die Grenzen der Rolle?
So sehr ich Verantwortung für Prozesse und Bedingungen übernehme, so klar sehe ich auch die Grenzen der regieführenden Person. Ich bin immer nur so gut und immer nur so zeitgemäß, wie es die Strukturen und die Menschen um mich herum zulassen. Viele erprobte Praktiken lassen sich in institutionelle Theaterstrukturen nur begrenzt übertragen oder müssen immer wieder neu verhandelt werden. Veränderung bleibt oft abhängig vom Interesse und der Offenheit der jeweiligen Leitung.
Eine weitere Grenze liegt in der Belastung, die mit dieser Position verbunden ist. Von Regisseur*innen wird oft erwartet, dass sie unfehlbar und immer verfügbar sind. Während ich sehr viel Verantwortung trage, gibt es in dieser Rolle kaum einen geschützten Raum, in dem ich Schwäche zeigen kann. Ich kenne die Schwierigkeit sehr genau, wenn eine teamorientierte, gemeinsame Suchbewegung als Unsicherheit missverstanden wird.
Oft sind meine Arbeitstage immens lang, dazu kommen lange Wege, ungenügende Wohnbedingungen und fehlende Kantinen und Pausen. Ich brauche Folgeengagements, einen guten Ruf und die Fähigkeit, auch unter hoher Belastung weiterzuarbeiten, denn der ökonomische Druck der Freiberuflichkeit ist groß. Gerade weil die Verantwortung in meinem Beruf so groß ist, ist es schwer, eigene Ruhezeiten einzufordern, geschweige denn auf eigene Krankheit mit der eigentlich benötigten Regenerationszeit zu reagieren.
Auch beim Thema Elternschaft werden Grenzen schmerzhaft spürbar. Ich bin durch die Arbeit oft über längere Zeit von den Kindern getrennt. Die mangelnde Vereinbarkeit zwischen Theaterbetrieb und Familienleben ist noch immer ein großes Thema in diesem Bereich.
Ich stelle mich als Regisseurin immer wieder auf und hinter der Bühne und auch als Vorständin bei Pro Quote Bühne e.V. gegen Ungerechtigkeiten auf, da unsere Zählungen immer wieder aufzeigen, dass wir im Theaterbetrieb – und besonders im Musiktheaterbetrieb – noch nicht bei der Chancengleichheit angekommen sind. Ich muss immer wieder selbst abwägen, ob es mir mehr Kraft nimmt oder gibt. Deshalb ist für mich eine zentrale Grenze dort, wo aus Verantwortung Selbstaufgabe wird. Eine zeitgemäße Musiktheater-Regie braucht deshalb nicht nur künstlerische Integrität, sondern auch Strukturen, die die Menschen in ihr mitsamt ihr selbst schützen und mit tragen.
Ich kann vieles ermöglichen und organisieren, aber ich kann die strukturelle Unvereinbarkeit nicht wegregieren.